{"title":"Eine Art Verjüngungskur: Songs of Experience von U2","slug":"u2-songs-of-experience-review","url":"https://www.romanjasiek.de/u2-songs-of-experience-review/","published_at":"2017-11-30T08:30:00.000Z","updated_at":"2026-10-12T04:48:39.000Z","excerpt":"Manchmal kitzelt es mich ja schon in den Fingern, einen Text über U2 bzw. über ein neues Album der Iren mit einem Bonmot zu beginnen. Gerade jetzt, wo der oberste Weltenretter Bono in den kürzlich veröffentlichten Panama Papers aufgetaucht ist. Dann wiederum denke ich mir: Darüber zu urteilen steht mir nicht zu. Und wenn jeder Mensch, der es zu einer großen Menge Geld geschafft hat, ähnlich ambitioniert unterwegs wäre wie Bono – die Welt sähe möglicherweise anders aus. Darum hake ich dieses Them","meta_description":null,"html":"<p>Manchmal kitzelt es mich ja schon in den Fingern, einen Text über <strong>U2</strong> bzw. über ein neues Album der <strong>Iren</strong> mit einem Bonmot zu beginnen. Gerade jetzt, wo der oberste Weltenretter <strong>Bono</strong> in den kürzlich veröffentlichten <strong>Panama Papers</strong> aufgetaucht ist. Dann wiederum denke ich mir: Darüber zu urteilen steht mir nicht zu. Und wenn jeder Mensch, der es zu einer großen Menge Geld geschafft hat, ähnlich ambitioniert unterwegs wäre wie <strong>Bono</strong>&nbsp;– die Welt sähe möglicherweise anders aus. Darum hake ich dieses Thema an dieser Stelle auch gleich wieder ab. Wie man <strong>Bonos</strong> Briefkastenfirmen moralisch einordnen möchte, muss jeder für sich entscheiden&nbsp;– auch ganz ohne vermeintlich witzige Anmerkungen der schreibenden Zunft. Konzentrieren wir uns lieber auf das, was für uns Konsumenten viel greifbarer ist als alles andere: die Musik. Daran lassen sich <strong>Bono</strong> und seine Kollegen von <strong>U2</strong> noch immer am besten messen. Drei Jahre nach <strong>Songs of Innocence</strong> gehen sie nun mit ihren <strong>Songs of Experience</strong> an den Start. Dieses 13. Studioalbum ist eine Art Verjüngungskur für eine Band, die nächstes Jahr seit geschlagenen 40 Jahren in der immer gleichen Besetzung unterwegs ist.</p><p>Ich oute mich: Während es immer wieder en vogue zu sein scheint,&nbsp;<strong>U2</strong>&nbsp;aus welchen hanebüchenen Gründen auch immer doof zu finden, bin ich ein Fan der vier <strong>Iren</strong>. Einerseits beeindruckt mich, dass sie es geschafft haben, länger zusammen Musik in unveränderter Besetzung zu machen, als ich Lebenszeit auf diesem Planeten verbracht habe. Zudem holt mich die Mucke von&nbsp;<strong>U2</strong>&nbsp;schlicht und ergreifend immer wieder ab. Allerdings: Ich gehöre nicht zu dem Teil der Hörerschaft, die blindlings alles verehrt, was&nbsp;<strong>Bono</strong>&nbsp;und seine Gang aus dem Ärmel schütteln. Es gab in der Vergangenheit so manche Alben, die mich ziemlich ratlos zurückgelassen haben. Trotzdem halte ich nichts von dieser „früher war alles besser“-Litanei. Ich mag es, wie&nbsp;<strong>U2</strong>&nbsp;den Spagat versuchen, ihren gewohnten Sound beizubehalten und dennoch immer wieder mal was Neues probieren. Manchmal klappt das, manchmal nicht.</p><p>Das 2014er Album <strong>Songs of Innocence</strong>, das durch einen Deal mit&nbsp;<strong>Apple</strong>&nbsp;zur kostenlosen Zwangsbeglückung für alle geriet, die irgendwie ein Produkt der Firma aus <strong>Cupertino</strong> nutzen, speziell&nbsp;<strong>iPhone</strong>, war ungeachtet des Vertriebs eines dieser Alben, an die ich mich gerne zurückerinnere. Inspiration holten sich&nbsp;<strong>U2</strong>&nbsp;hier nicht so sehr beim aktuellen Weltgeschehen, das es irgendwie anzukreiden galt, sondern bei der Gedichtsammlung <strong>Songs Of Innocence and Expierence</strong> des englischen Mystikers und Poeten&nbsp;<strong>William Blake</strong>. Eine gute Entscheidung, schließlich nahmen&nbsp;<strong>U2</strong>&nbsp;damit schon mal den Nörglern den Wind aus den Segeln, die in&nbsp;<strong>Bono</strong>&nbsp;nur&nbsp;den missionarischen Rockstar sehen. Zudem reichte die Inspiration für ein paar wirklich tolle Songs, die das Album zweifelsohne zu einem der besseren in der Diskografie&nbsp;<strong>U2s</strong>&nbsp;machten.</p><p>Daran knüpfen die <strong>Iren</strong> drei Jahre später an. Schon der Name <strong>Songs Of Experience</strong> macht deutlich, dass die Band mit der Inspiration allein durch Blake noch nicht fertig sind. Das neue Album wurde in <strong>Dublin</strong>, <strong>New York</strong> und <strong>Los Angeles</strong> aufgenommen.&nbsp;<strong>Bono</strong>, aus dessen Feder die Texte wie üblich stammen, folgte bei der Entstehung des Albums einem Ratschlag, den er von Professor und Autor&nbsp;<strong>Brendan Kennelly</strong>&nbsp;erhalten hat:&nbsp;Schreib, als ob du tot wärst. Das Album, so will es das&nbsp;<strong>Universal Music</strong>&nbsp;scheinbar am liebsten verstanden wissen, stellt eine Art Sammlung von Briefen&nbsp;<strong>Bonos</strong>&nbsp;da, die er seiner Familie, seinen Freunden, Fans und auch sich selbst geschrieben habe. Tatsächlich macht diese Einschätzung durchaus Sinn. In Kombination mit dem Coverfoto, das <strong>Bonos Sohn&nbsp;Eli Hewson&nbsp;und&nbsp;Sian Evans</strong>, die Tochter des Gitarristen&nbsp;<strong>The Edge</strong>, Hand in Hand zeigt, entsteht hier schnell der Eindruck, dass <strong>Songs Of Experience</strong> trotz all des Pomps und Getöses, der auch dieses Mal reichen wird, um Stadien zu füllen, im Kern ein kleines, feines und persönliches, wenn nicht gar intimes Album geworden ist.</p><p>Dass sie trotzdem offen sind, sich von ihren Produzenten neue Einflüsse ins Klangbild pinseln zu lassen, wird schon direkt beim Eröffnungsstück <strong>Love Is All We Have Left</strong> deutlich. Zu einer sehr elektronisch gefärbten Ballade, die als Intro eine gute Figur macht, gesellt sich dezentes, hintergründiges Autotune-Genöhle. Über Autotune lässt es sich ganz vortrefflich streiten, hier aber funktioniert es zumindest als Aufmerksamkeitserreger. <strong>Lights Of Home</strong> hingegen lässt die Elektronik weg und präsentiert sich als knochentrockene Blues-Rock-Nummer, zu der man heruntergelassenen Fensters mit einem fetten, rostigen Pickup-Truck durch die Salzwüsten der Vereinigten Staaten cruisen möchte. Entsprechende Stiefel und Hut inklusive, ist klar, ne. Da kommt mir <strong>American Soul</strong> in den Sinn, offenbar entstanden, nachdem die Welt mit einem <strong>Präsidenten Trump</strong> aufwachen musste. Den Punkt kann man aber zumindest hier gut ignorieren.&nbsp;<strong>The Edge</strong>&nbsp;lässt seine Gitarre hier ähnlich knarzen,&nbsp;<strong>Bono</strong>&nbsp;macht sich Gedanken über die <strong>Amerikaner</strong> und ansonsten zeigen die vier <strong>Iren</strong>, dass sie nicht zwar mehr die Jüngsten sein mögen, aber immer noch ordentlich rocken können, als wären die Jahre spurlos an ihnen vorübergezogen.&nbsp;»You are Rock&amp;Roll«, trötet&nbsp;<strong>Bono</strong>&nbsp;hier. Danke, gleichfalls.</p><p>Tatsächlich gefällt mir <strong>Songs of Experience</strong> in den ruhigen Momenten am besten. Das ist nichts Neues, immer schon haben mich&nbsp;<strong>U2</strong>&nbsp;mit ihren Balladen am meisten abgeholt. <strong>The Little Things You Give Away</strong> reiht sich gut ein in die Riege dieser Nummern, wo es einem gleichzeitig warm ums Herz wird und sich ein Kloß im Hals breitmacht. <strong>Landlady</strong> geht in eine ähnliche Richtung. Und dass&nbsp;<strong>U2</strong>&nbsp;auf dem letzten Album mit <strong>Song For Someone</strong> einen Song für die Ewigkeit geschaffen haben, scheint ihnen inzwischen selbst auch so richtig bewusst geworden zu sein. Zumindest würde das die wirklich ergreifende und mit höchstem Gänsehautfaktor versehene Reprise <strong>13 (There Is A Light)</strong> erklären. Einer der mächtigsten Songs der Band überhaupt!</p><p>An&nbsp;<strong>U2</strong>&nbsp;scheiden sich seit Jahrzehnten die Geister. Dass sie, wie schon beim Vorgängeralbum, Inspiration bei klassischen Gedichten gesucht haben, war ein Gewinn. Dass die neue Platte von&nbsp;<strong>Jacknife Lee</strong>&nbsp;und&nbsp;<strong>Ryan Tedder</strong>, gemeinsam mit&nbsp;<strong>Steve Lillywhite</strong>,&nbsp;<strong>Andy Barlow</strong>&nbsp;und&nbsp;<strong>Jolyon Thomas</strong>&nbsp;produziert wurde, ebenfalls. Frischer, druckvoller, dynamischer, abwechslungsreicher und, ja auch jünger, klangen&nbsp;<strong>U2</strong>&nbsp;schon eine ganze Weile nicht mehr. Ähnlich wie&nbsp;<strong>Depeche Mode</strong>&nbsp;zu Beginn dieses Jahres, die sich musikalisch mit <strong>Spirit</strong> auch verjüngten, überzeugen mich&nbsp;<strong>U2</strong>&nbsp;und ihre <strong>Songs of Experience</strong> auf ganzer Linie. In der Vergangenheit waren bei einem Album von, na sagen wir mal, zehn Songs, stets welche dabei, die ich nur zu gerne weitergeskippt habe. Auch und gerade bei&nbsp;<strong>U2</strong>. Auf diesem Album suche ich entsprechende Kandidaten noch.</p><p>Kritiker werden vermutlich nörgeln, dass <strong>U2</strong>, die Dinos der leicht zu konsumierenden Rock-Musik, den jungen (oder jüngeren) Wilden wie <strong>The Killers</strong> in Sachen Sound und gefälligem Pop-Anteil hinterherhecheln. Dass es womöglich albern sei, wie sich die vier älteren Herren mit dem Flair unbeschwerter, leichtfüßiger und eingängiger Mucke umgeben und einen auf jung machen. Kann man so ankreiden. Kann man aber auch lassen. <strong>Songs of Experience</strong> macht in meinen Ohren schon vom Titel her deutlich, wo der Hammer hängt. Erfahrung kommt nicht von ungefähr und nach so langer Zeit des Überlebens im Musikgeschäft, wissen sie, was getan werden muss, um ein Album gelingen zu lassen. Und dass sich <strong>U2</strong> klanglich Inspiration bei Künstlern, die ihnen nachgefolgt sind, gesucht haben, ist nur legitim&nbsp;– schließlich war es über Jahre, vielleicht Jahrzehnte andersherum. Unterm Strich ist mir <strong>Songs of Experience</strong> das unterhaltsamste <strong>U2-Album</strong> seit Jahren, dem es gut bekommt, dass sie frischen Wind in den Sound haben einziehen lassen&nbsp;– und die Weltverbesserungskeule weitgehend im Schrank geblieben ist.</p><figure class=\"kg-card kg-image-card kg-card-hascaption\"><img src=\"https://storage.ghost.io/c/90/34/9034555f-2939-4c04-8b42-89dcff4387d3/content/images/2026/10/U2-Songs-Of-Experience-CMS-Source.webp\" class=\"kg-image\" alt=\"\" loading=\"lazy\" width=\"2000\" height=\"2000\" srcset=\"https://storage.ghost.io/c/90/34/9034555f-2939-4c04-8b42-89dcff4387d3/content/images/size/w600/2026/10/U2-Songs-Of-Experience-CMS-Source.webp 600w, https://storage.ghost.io/c/90/34/9034555f-2939-4c04-8b42-89dcff4387d3/content/images/size/w1000/2026/10/U2-Songs-Of-Experience-CMS-Source.webp 1000w, https://storage.ghost.io/c/90/34/9034555f-2939-4c04-8b42-89dcff4387d3/content/images/size/w1600/2026/10/U2-Songs-Of-Experience-CMS-Source.webp 1600w, https://storage.ghost.io/c/90/34/9034555f-2939-4c04-8b42-89dcff4387d3/content/images/2026/10/U2-Songs-Of-Experience-CMS-Source.webp 2000w\" sizes=\"(min-width: 720px) 720px\"><figcaption><span style=\"white-space: pre-wrap;\">© Universal Music</span></figcaption></figure>","tags":["Musik"],"authors":["Roman Jasiek"],"feature_image":"https://storage.ghost.io/c/90/34/9034555f-2939-4c04-8b42-89dcff4387d3/content/images/2026/10/U2-Pressebilder-2017-CMS-Source.webp","archived_at":"2026-10-12T05:06:04.499Z"}